Die Razzia begann um sechs Uhr morgens: Einsatzfahrzeuge fuhren vor einem linken Magdeburger Infoladen auf, danach begannen rund 40 Beamte von BKA und Magdeburger Bereitschaftspolizei das „Soziale Zentrum“ in der Puschkinstraße im Stadtteil Stadtfeld zu durchkämmen. In einer Wohnung und dem Laden im Parterre des Wohnprojekts werden Computer und Broschüren sichergestellt; auch Spürhunde für Sprengstoff und für Drogen seien im Einsatz, wie „nd“ erfuhr.
Anlass für die Durchsuchung und zeitgleiche Razzien unter anderem in Berlin und Stuttgart ist, wie die Generalbundesanwaltschaft (GBA) am Vormittag in einer Erklärung mitteilte, ein Ermittlungsverfahren nach Paragraf 129. Dabei gehe es um die mögliche Bildung einer „linksextremistischen kriminellen Vereinigung“. Durchsucht würden 21 Wohnungen, davon neun von Beschuldigten. Eine davon befindet sich auch in dem Magdeburger Wohnprojekt.
Die Ermittler vermuten, dass die Beschuldigten eine Nachfolgegruppierung der „militanten gruppe“ (mg) gebildet haben. Diese soll von 2001 bis zu ihrer Selbstauflösung 2009 bestanden und in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt unter anderem Brandanschläge verübt haben. Auch den angeblichen Nachfolgern, die seit Dezember 2009 unter der Bezeichnung “Revolutionäre Aktionszellen (RAZ)” agiert haben sollen, werden mehrere Brand- und Sprengstoffanschläge in Berlin zur Last gelegt, unter anderem auf Amtsgericht Wedding, ein Job-Center der Agentur für Arbeit in Berlin-Wedding, das Haus der Wirtschaft, das Amt für Stadtentwicklung und das Bundeshaus in Berlin-Charlottenburg. Zudem hat sich die “RAZ” nach Angaben der GBA zum Versand von Pistolenpatronen an den Bundesminister des Inneren, den Ständigen Vertreter des Generalbundesanwalts und einen Wissenschaftler im März 2011 bekannt. In den Bekennerbriefen sei angekündigt worden, dass die Patronen künftig “per Express” versendet werden sollten. Bislang seien keine Menschen zu Schaden gekommen.
An den Razzien beteiligten sich insgesamt rund 300 Beamte. Gesucht würden Beweise zu den Strukturen der „RAZ“ und zu deren Straftaten, hieß es. Weitergehende Informationen könnten derzeit nicht gegeben werden, erklärt der GBA.
Der Magdeburger Szeneladen war bereits im vergangenen September Ziel einer Hausdurchsuchung. Damals seien neben Datenträgern, Computern und Handys auch Kontoauszüge, Tankbelege, persönliche Briefe und sogar Aschenbecher mit Zigarettenstummeln sichergestellt worden, teilt ein Sprecher von [solid´] Sachsen-Anhalt mit. Die Razzia richtete sich gegen den gleichen Beschuldigten wie die heutige Aktion. Anlass war ein Vorfall am Rand der Proteste gegen einen Naziaufmarsch zum Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs im Januar 2012. Damals war aus dem Haus eine Betonplatte geworfen worden, die Polizisten nur knapp verfehlte.
Quelle: Neues Deutschland vom 22.05.2013




