Hinrichtungen per Giftspritze – Deutscher Hersteller will Narkosemittel-Export in die USA schärfer kontrollieren

16.07.2012

 

Von Nicola Kuhrt

Narkosemittel Propofol: "Wir beliefern keine Gefängnisse oder Strafvollzugsbehörden"

Getty Images

Narkosemittel Propofol: “Wir beliefern keine Gefängnisse oder Strafvollzugsbehörden”

Henker in den USA wollen das Narkosemittel Propofol für ihre Todes-Cocktails nutzen – produziert wird es von einem deutschen Konzern. Nach Protesten von Menschenrechtsaktivisten will der Hersteller Fresenius nun strengere Lieferkontrollen einführen.

Hamburg – Sie werden wohl weiterhin keine Wirkstoffe für ihre Hinrichtungsspritzen bekommen: Henker in den USA können weder das Narkosemittel Thiopental-Natrium noch das ebenfalls eingesetzte Pentobarbital aus Europa beziehen – das verhindert die Anti-Folter-Verordnung der EU.

Und auch das Narkosemittel Propofol, das einige amerikanische Strafvollzugsbehörden nun einsetzen wollen, werden die Beamten in US-Gefängnissen wohl nicht für Giftcocktails nutzen können. Der Hersteller Fresenius Kabi aus Hessen hat nun auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärt, die Lieferbedingungen in den USA genauer kontrollieren zu wollen.

Im Juni noch hatte Fresenius Kabi, eine Tochter des gleichnamigen DAX-Konzerns, auf Anfrage erklärt, den Export in die USA nicht einschränken zu wollen. Allein in den USA komme der weltweit eingesetzte Wirkstoff in mehr als 15.000 Krankenhäusern, Arztpraxen, Zahnarztpraxen und anderen medizinischen Einrichtungen rund 50 Millionen Mal pro Jahr zum Einsatz, sagte Konzernsprecher Matthias Link.

“Wir beliefern keine Gefängnisse in den USA mit Propofol”

Versuche von Menschenrechtsorganisationen wie Reprieve aus Großbritannien oder Amnesty International, Fresenius Kabi zu einem Wechsel im Geschäftsgebaren zu bewegen, waren zunächst erfolglos verlaufen. Zuvor hatte die dänische Firma Lundbek, Hersteller von Pentobarbital – das als Alternative zu Thiopental-Natrium herhalten musste – erklärt, die Auslieferung seines Arzneimittels nur mit noch schärferen Auflagen zu ermöglichen. Wer Pentobarbital bestellt, muss zuvor schriftlich bestätigen, dass er dieses einzig für klinische Zwecke verwendet.

Im Vergleich zu Propofol seien Verbreitung und Einsatzgebiet von Pentobarbital allerdings weitaus geringer, sagte Sprecher Link. Propofol komme in den USA jeden Tag dreimal so oft zum Einsatz wie Pentobarbital in einem ganzen Jahr. Pentobarbital werde zudem nur in einer begrenzten Zahl von Akutkrankenhäusern verwendet, wohingegen Propofol in über 15.000 Krankenhäusern sowie anderen Gesundheitseinrichtungen im ganzen Land eingesetzt werde.

Dennoch trete Fresenius Kabi natürlich dafür ein, dass seine Produkte nur für die medizinischen Zwecke verwendet werden, für die sie von den jeweiligen Behörden zugelassen wurden. “Wir beliefern keine Gefängnisse in den USA mit Propofol und werden dies auch in der Zukunft nicht tun”, sagte Link. Der Konzern prüfe derzeit weitere Möglichkeiten, den Bezug von Propofol in den USA stärker zu kontrollieren.

Menschenrechtsaktivisten: “Das ist ein gutes Ergebnis”

Bei einem wichtigen und häufig eingesetzten Medikament wie Propofol sei der schnelle und flächendeckende Zugriff von Ärzten und Apothekern nur durch die Zusammenarbeit mit Großhändlern möglich, die Kunden überall in den USA kurzfristig beliefern können, zudem hielten Ärzte, Apotheken, Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen teilweise größere Mengen an Propofol auf Vorrat.

“Wir prüfen derzeit, ob es weitere Möglichkeiten gibt, den Bezug von Propofol in den USA stärker zu kontrollieren, um auszuschließen, dass das Medikament für andere als die zugelassenen medizinischen Zwecke verwendet wird”, sagt Sprecher Link. Man stehe in engem Kontakt mit den Vertriebspartnern in den USA, außerdem gäbe es Gespräche mit der Organisation Reprieve.

Voraussetzung für alle in Betracht zu ziehenden Maßnahmen ist jedoch, dass diese nicht die breite und schnelle Verfügbarkeit von Propofol einschränken, so dass die Krankenversorgung auch in Notfällen stets gewährleistet ist.

“Das ist ein gutes Ergebnis”, sagt ein Sprecher von Amnesty International Deutschland. Die Menschenrechtsorganisation hatte Fresenius angeschrieben und um Stellungnahme gebeten, wie sie verhindern wollen, dass das Narkosemittel missbraucht wird. Man werde die weiteren Entwicklungen genau beobachten.

Auch der Bundestag beschäftigt sich mittlerweile mit der Frage, wie verhindert werden kann, dass Narkosemittel aus Deutschland für Todesspritzen in den USA missbraucht werden. In einer Kleinen Anfrage möchte die Fraktion Die Linke wissen, ob sich die Regierung dafür einsetzen wird, dass Propofol bei der Überarbeitung der Anti-Folter-Verordnung in die Liste aufgenommen wird.

Aufgrund von Lieferschwierigkeiten anderer Hersteller ist Fresenius Kabi momentan der einzige Anbieter von Propofol in den USA. Die FDA hat das Medikament auf die Liste der von Lieferengpässen bedrohten Arzneimittel (“drug shortages”) gesetzt. Erst im August 2012 beabsichtigt ein amerikanischer Wettbewerber, seine Propofol-Produktion in den USA, die wegen technischer Probleme unterbrochen war, wieder aufzunehmen.

Quelle: Spiegel-online vom 16.07.2012

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