24. September 2012, 14:24
Neuer Staatschef Kim Jong Un will Produktion ankurbeln: Bauern sollen künftig Teile ihrer Ernte für sich behalten und in Eigenregie verkaufen dürfen
Peking – Nordkorea plant offenbar umfassende Reformen im Agrarsektor, um die notleidende Bevölkerung besser versorgen zu können. So sollen die Bauern künftig Teile ihrer Ernte für sich behalten und in Eigenregie verkaufen dürfen, verlautete aus dem Umfeld der Regierungen in Peking und Pjöngjang. “Die Bauern werden einen Anreiz haben, mehr Nahrung zu produzieren”, sagte eine Person, die namentlich nicht genannt werden wollte. “Sie können dann etwa 30 bis 50 Prozent ihrer Ernte behalten und selbst verkaufen, je nach Region.”
Laut Reuters sind die Angaben des Informanten nicht von unabhängiger Seite bestätigt werden. Die Quelle habe sich aber in der Vergangenheit als zuverlässig erwiesen und sowohl den Atomtest im Jahr 2006 als auch den Aufstieg Kim Jong Uns Onkels Jang Song-thaek vorhergesagt, schreibt die Agentur.
Staat legt Preise fest
Derzeit wird der Großteil der Ernte des Landes an die Regierung verkauft. Der Preis dafür ist staatlich festgelegt und liegt weit unter dem Marktpreis. Die von Exil-Nordkoreanern betriebene Webseite dailynk.com berichtet, dass die Preise für Mais und Reis seit August drastisch angestiegen seien.
Am Dienstag tritt das nordkoreanische Parlament zu seiner zweiten Sitzung in diesem Jahr zusammen. Die Tagesordnung ist nicht bekannt. Das kommunistische Land ist international weitgehend isoliert. Im Dezember 2011 war die neue Führung unter Kim Jong Un angetreten. Sollte es zu den Reformen kommen, wäre dies eine Kehrtwende. Unter Kim Jong Uns verstorbenem Vater und Vorgänger Kim Jong Il war private Produktion ab 2005 strikt verboten.
Nordkoreas Wirtschaft hat sich nie von einer schweren Hungersnot in den 90er Jahren erholt, bei der schätzungsweise eine Million Menschen starben. In der Landwirtschaft haben die Abholzung und falsche Anbautechniken die Böden schwer in Mitleidenschaft gezogen. Sie sind damit auch anfälliger für Überschwemmungen wie die im Juni und Juli und benötigen dringend Dünger. Grundsätzlich braucht Nordkorea Experten zufolge pro Jahr etwa fünf Millionen Tonnen Getreide und Kartoffeln. Seit den 90ern lag die Produktion jedoch in einer Spanne zwischen 3,5 und 4,7 Millionen Tonnen. Das Welternährungsprogramm (WFP) wies im August darauf hin, dass die Mahlzeiten der nordkoreanischen Bevölkerung fast nur aus Mais und Reis bestehen. Insbesondere Proteine und Fette fehlten.
Kein “Hundefurz”
Trotz der starken Orientierung an China wurde den Kreisen zufolge für Nordkorea jetzt bewusst der Begriff der “wirtschaftlichen Anpassungen” gewählt statt “Reform und Öffnung”, dem bekannteren Motto des nördlichen Nachbarn. “Es wird nicht ‘Reform und Öffnung’ heißen”, sagte der Insider. “Das klingt auf Koreanisch wie ‘Hundefurz’.” (red/Reuters, 24.9.2012)
Quelle: Der Standard (Österreich) vom 24.09.2012
