Die karmische Aufgabe

jo on Oktober 17th, 2012

erschienen bei Michael Winkler

Darf ich Sie bitten, sich einen See vorzustellen? Das Ufer dürfen Sie bepflanzen, wie Sie wollen. Weiden, Palmen, Laubwald, Kakteen, Sand, Luxushotels… Obwohl, Luxushotels vielleicht besser nicht, denn die Oberfläche des Sees soll zunächst spiegelglatt sein.

So glatt, daß ein fingernagelgroßer Jungfisch, der neugierig die Wasseroberfläche durchstößt, diese zum Kräuseln bringt. Jetzt fügen wir ein wenig Wind dazu, und die Wasserfläche zeigt Muster, kleine Wellen, ein paar Millimeter hoch, die das Licht tausendfältig brechen. Haben Sie’s? Jetzt lassen wir die Zeiten noch unruhiger werden, immer stürmischer. Die Wellen wachsen und wachsen, und endlich, wir haben Orkanstärke erreicht, sind sie meterhoch geworden. Doch nur ein Bruchteil des Seewassers nimmt an diesem Wellengang teil, in der Tiefe tut sich nichts, zwei, drei Meter unter dem Sturmgebraus herrscht noch immer tiefe Ruhe, liegt stilles Wasser.

Wir brauchen noch ein anderes Bild, und dieses ist erschreckend real. Wir drehen unsere Uhren 74.000 Jahre zurück. In einer abgelegenen Gegend der Welt ist gerade ein Vulkan ausgebrochen, der heute den Namen Toba trägt. Es ist die größte Vulkankatastrophe in der Geschichte von uns Menschen, Vesuv, Krakatau, Mount Pelée oder Mount St. Helens sind dagegen kleinere Vereinsfeiern auf der Dorfwiese gewesen. Es hätte uns damals beinahe erwischt; wir waren noch eine sehr junge Spezies, es gab nicht so viele von uns. Vielleicht so viele, wie Berlin und Umgebung Einwohner hat, vielleicht fünf Millionen. Und davon ist nur ein einziger Wohnblock übrig geblieben, ein paar Dutzend, ein paar Hundert Menschen.

Das ist keine Gruselgeschichte, das ist der Stand der Wissenschaft. Noch schlimmer hat es damals die Geparden erwischt, diese eleganten Kätzchen sind allesamt noch heute derart miteinander verwandt, daß jedes Tier dem anderen Organe spenden könnte – ohne die Mittel zu benötigen, die eine Immunreaktion unterdrücken. Die heute erlebbaren kleinen Vulkane sorgen für ein paar Tage ohne Flugverkehr, für wunderschöne Sonnenuntergänge und schlimmstenfalls für eine weltweite Mißernte und Hungerkatastrophe, für ein Jahr ohne Sommer. Jäger und Sammler trifft es hart, wenn es nichts zu jagen und zu sammeln gibt. Toba dürfte es auf mehrere derartige Jahre hintereinander gebracht haben.

Nun, wir haben diesen Flaschenhals überlebt, sonst hätte ich Sie niemals bitten können, sich einen freundlichen See vorzustellen. Und ja, es gibt einen Zusammenhang, doch nach den Schrecken des Toba kehren wir erst einmal an den beschaulichen See zurück. Der steht für das friedlichste, freundlichste und fleißigste Volk der Erde, also uns Deutsche. Allerdings für Eigenschaften, die denkende Mitmenschen in die Verzweiflung treiben.

Der typische Deutsche zahlt bereitwillig seine Steuern, er wählt immer wieder Volksvertreter, die alles vertreten, nur nicht seine Interessen. Er hält brav an jeder Blitzampel, die ihm Verkehrsplaner in den Weg setzen, anstatt die Drecksdinger einfach umzulegen. Er bezieht seine Meinung aus den qualitätsfreien Medien und schämt sich selbst dann seiner Nazi-Vergangenheit, wenn er niemals Gelegenheit gehabt hatte, ein Nationalsozialist zu werden. Der Deutsche protestiert allenfalls dann auf der Straße, wenn ein Bahnhof, eine Startbahn oder eine Stromtrasse Juchtenkäfer, Steinkäuze oder Krötenwanderwege zu stören droht. Für die nette Bundeskanzlerin, die ihm mit immer neuen Steuern und Abgaben das Geld aus der Tasche zieht, die fortlaufend seine Ersparnisse entwertet und den Lohn seiner Arbeit an fremde Länder verteilt, geht der Deutsche nur auf die Straße, um ihr zuzujubeln und ihr, welch ein Glück, die Hand zu schütteln.

Ja, so kennen wir die Deutschen, still ruht der See, stille Wasser sind tief, und Ruhe ist generell erste Bürgerpflicht. Ein träges Volk, das alles mit sich machen läßt, und in kindischer Einfalt nachplappert, was ihm Meinungsideologen vorsagen. An DIESEM deutschen Wesen wird bestimmt keine Welt genesen. Diese Deutschen können höchstens für die ganze Welt arbeiten, um am Ende mit einer bescheidenen Rente abgespeist zu werden, zu wenig zum Leben, zuviel zum Sterben.

Ganz so still ruht der See nicht mehr, wir haben längst einen merkbaren Wellengang. Bei so einer Welle rottet sich das Wasser zusammen, strömt von links und rechts aufeinander zu und türmt sich auf. Wellental, Wellenberg, Wellental, Wellenberg – und doch, obwohl sich scheinbar der ganze See sichtlich erhebt, ist das nur die dünne Schicht an der Oberfläche, denn nur wenig darunter, unter den Wellentälern, bleibt alles ruhig.

seine Taten prägten seine Züge – Bild: titanic

Das ist die Masse des Volkes, und als Masse sollten wir sie sehen, als träge, gesichtslose Masse, die alles mit sich machen läßt und noch immer Ruhe gibt, wo andere Völker längst auf die Barrikaden gegangen sind. Seit Einführung des Euro haben die Rentner ein Fünftel ihrer Kaufkraft verloren? Ach ja, es sind halt schlechte Zeiten. Was sollen wir dagegen machen? SPD und Grüninnen haben das hingenommen, die beiden einstmals christlichen Unionen und die ihrer Liberalität entblößte FDP. Sie haben alle regiert und nichts für die Generation der Alten getan, von denen sie seit Jahrzehnten gewählt worden sind.

Es geht uns ja wirklich gut in diesem Land, ohne Mindestlohn aber mit Hartz IV, ohne Mindestrente aber mit Sozialhilfe. Gutbezahlte, tarifliche Arbeitsplätze fallen weg, dafür gibt es massenhaft Jobs als Leiharbeiter. Man muß nur arbeiten wollen, dann kriegt man auch was. Und wer als Ausländer in Deutschland nicht arbeiten will, der kriegt auch etwas, und zwar gerne etwas mehr, wir wollen ihn doch nicht diskriminieren, oder?

Ihre Mitmenschen haben jedes Recht, den Bock zum Gärtner zu machen, sie dürfen immer wieder als dümmste aller Kälber ihre Metzger selber wählen. Diese Menschen sind tüchtige, pflichtbewußte Arbeiter, und sie wären auch tapfere Soldaten, wenn es sein müßte. Sie sind Deutsche und sie haben alle guten Eigenschaften der Deutschen, doch sie sind eben die “Masse”, die träge Mehrheit des Volkes. Auf dem alten Zehn-Mark-Schein der letzten Serie war Carl Friedrich Gauß abgebildet, zusammen mit seiner Glockenkurve, der Normalverteilung. Man kann diese Kurve so zusammenfassen: 5% der Menschen haben die Fähigkeit, Maschinen zu entwickeln, 15% können diese Maschinen warten und in Funktion halten, die übrigen 80% können diese Maschinen nur bedienen, also an ihnen arbeiten. Entwickler – Techniker – Bediener, bei der Gauß-Kurve wird da von “Sigma” gesprochen, falls Sie nachschlagen wollen.

Übertragen wir das auf den See, dann gibt es dort die Wellenberge, die Spitzen, die “Entwickler”, unter ihnen jene, die sie stützen, die, bildlich gesprochen, aus den Wellentälern gewichen sind, um die Wellenberge anzuheben, die “Techniker”, und die Mehrheit, das Wasser unter dem Wellengang, die “Bediener”. Früher waren die Bediener nötig, heute ist die technische Entwicklung soweit fortgeschritten, daß 20% alle Güter für den Rest der Menschheit erzeugen können. Wir brauchen die Bediener nicht mehr. Dank der Globalisierung können die 80% der Müßiggänger in den USA von Food-Stamps leben, in Deutschland in Moscheen sitzen, in Spanien und Griechenland arbeitslos auf der Straße stehen, in Südamerika in den Slums vegetieren oder in Bangladesch verhungern.

Die fünf Prozent “Entwickler” müssen keine Maschinen konstruieren, sie können ebenso Gesellschaftsmodelle zusammenbasteln. Hannibal war als Feldherr ebenso ein “Entwickler”, der mit seinen Offizieren als “Technikern” seine Truppen gelenkt hat, die (Waffen-) Bediener. In der Schlacht gehorchen die Soldaten ohne nachzudenken, in ihrer Freizeit halten sie sich für die besseren Feldherren, das ist ganz normal. Es sind immer nur die widrigen Umstände, die einen Bediener davon abhalten, ein Entwickler zu sein.

Ich werde hin und wieder gefragt, wieso ich an Deutschlands Zukunft glaube. Wie es sein könne, daß die träge Masse, die ruhende Tiefe des Sees, sich zu neuer Größe aufraffen könne. Ich verweise dann regelmäßig auf die Schauungen, die ein Ereignis der Größenordnung von Toba voraussagen. Eine milde Form finden wir im “Lied der Linde”, das die Zeit danach so beschreibt:

Zählst du alle Menschen auf der Welt, wirst du finden, daß ein Drittel fehlt

Was noch übrig, schau in jedes Land, hat zur Hälfte verloren den Verstand

Ein Drittel der Menschen sind tot, ein Drittel hat den Verstand verloren. Letzteres ist in der Zeit eines Zusammenbruchs ein Todesurteil, denn wer nicht fähig ist, für sich selbst zu sorgen, wird nicht überleben. Eine Stunde am Tag einkaufen und 23 Stunden den Kranken umsorgen, das geht heute. Wer zehn Stunden auf dem Feld arbeiten muß, um die erforderliche Nahrung zu erzeugen, der kann sich nicht um die Siechen kümmern, folglich werden diese verhungern oder anderweitig umkommen. Das ist, wie gesagt, eine sehr bekannte Zukunftsschau.

Betrachten wir das erste Drittel, das in der Katastrophe umkommt, als statistisch verteilt, dann wird sich am Verhältnis “Entwickler – Techniker – Bediener” nichts ändern. Ich wage allerdings zu behaupten, daß diejenigen, die den Verstand verlieren, übermäßig viele Bediener sein werden. Unsere Gattungsbezeichnung ist “Homo sapiens sapiens”, also der “kluge kluge Mensch”. Vor Toba hätte ein einfaches “sapiens” ausgereicht, doch diesen Flaschenhals haben nur die härtesten und klügsten Menschen überlebt.

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Quelle: Julius-Hensel-Blog und michaelwinkler-Blog vom 17.10.2012

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Die Arbeitsgemeinschaft Staatlicher Selbstverwaltungen wurde am 06. November 2010 gegründet. Am 01. Mai 2012 wurde der Staat Freies Deutschland gegründet und in der UN angemeldet.
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